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Wappen der Studentenverbindung Landsmannschaft Marchia Berlin zu Osnabrück

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Landsmannschaft im CC Marchia Berlin
zu Osnabrueck

Von Klingenträgern und Glaubensbrüdern

Zwischen Tradition und Vorurteil: Studentische Verbindungen in Osnabrück

Zwischen Tradition und Vorurteil: Studentische Verbindungen in Osnabrück

Traditionsbewusst: Die Studenten (von links) Thorsten Winrich, Fabian Schöpke und Daniel Schweriner von der Landsmannschaft Marchia präsentieren die Rapiere in ihrem Verbindungshaus. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Studentenverbindungen sind ein Sammelbecken der Rückwärtsgewandten und Rechtsradikalen, heißt es. Stimmt nicht, sagen diejenigen, die dazugehören. Wer hat recht? Wir haben nachgeschaut.

„Hoch, bitte!“ „Fertig?“ „Los!“ Für den Laien ist das das Kommando, den Kopf einzuziehen. Wenn es an der Süntelstraße 21 in Osnabrück ertönt, pauken die Studenten – aber nicht im Sinne von Lernen. Die Mitglieder der Landsmannschaft Marchia Berlin zu Osnabrück, einer schlagenden Studentenverbindung, trainieren fünfmal in der Woche mit scharfen Rapieren das Fechten.

 

Fabian Schöpke, Daniel Schweriner, Thorsten Winrich und Pascal Mildahn sehen aus wie normale Studenten: Sie tragen ihr Haar gegelt, ihre Hemden sind in gürtelbeschnallte Hosen gesteckt, und sie sprechen gewählt. Keiner von ihnen hat eine Narbe. „Wir sind junge, moderne Studenten wie alle anderen auch“, sagt Fabian Schöpke. Der einzige Unterschied sind das Band und die Mütze in den Farben Blau, Rot und Gold, die sie zu festlichen Anlässen tragen – und eben das Fechten.

 

Bis zu fünfmal in der Woche wird die Waffenkammer im Vereinshaus geöffnet. Im Garten beginnt das Training von Hieben und Schlägen mit den bis zu 89 Zentimeter langen, scharfen Klingen. Pauken gehört zur Pflicht eines Marchia-Mitglieds. „Wir verlangen drei Pflichtmensuren“, erklärt Fabian Schöpke. Gemeint sind Fechtkämpfe gegen befreundete Verbindungen aus anderen Städten. „Da fehlt dann natürlich die Schutzmaske im Gesicht“, erläutert Mildahn.

 

Über 2000 Studentenverbindungen gibt es in Deutschland. In Osnabrück sind neben der waffentragenden Marchia drei weitere aktiv: die VDSt Osnabrück, die Unitas Sugambria und die katholischen Studenten von der Akademischen Verbindung (AV) Widukind. Sie alle verbindet ihr schlechter Ruf. Rechtsradikal, frauenfeindlich, elitär, ultra-konservativ und undemokratisch – so lauten die Vorwürfe gegen Studentenverbindungen.

 

Dass sie auf einige zutreffen, ist auch Jurastudent Jan-Christoph Wolber klar. Im kommenden Semester übernimmt er den Rang des Seniors in der AV Widukind. Besonders die Burschenschaften, die einem eigenen Dachverband innerhalb der Verbindungslandschaft angehören, tragen seiner Meinung nach zu den Klischees bei. Diskussionen um Mitglieder mit Migrationshintergrund, nächtliche Fackelzüge und Randale, Google listet Tausende von Negativbeispielen auf. Auch ein „Tatort“ aus dem Jahr 2007 schürte die Vorurteile.

 

„Schwarze Schafe gibt es immer“, meint Wolber dazu, „Aber nur eine Handvoll Verbindungen erfüllt diese Klischees tatsächlich“, ergänzt Verbindungsbruder Jens Keuter. Und auch ein Sprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) bestätigt: „In Osnabrück gibt es kein Verbindungsproblem.“ Laut Lukas Hennies, Referent für Fachschaften beim AStA, treten die Osnabrücker Verbindungen hochschulpolitisch kaum in Erscheinung – anders als in Städten wie in Hennies Heimat Göttingen etwa: „Dort hat man eine rigidere Haltung.“ Gerade ein „übersteigertes Nationalbewusstsein“, wie es manche Verbindungen an den Tag legten, sei kritisch zu betrachten. „Die Traditionen und Werte, aus denen die Verbindungen entstanden sind, sehe ich aber positiv“, sagt Hennies.

 

Für Jan Christoph Wolber und seine Bundsbrüder hat das Verbindungswesen nichts mit Saufen, Parolen rufen und Geheimritualen zu tun. Die Prinzipien der AV Widukind sind anderer Natur. Diese Studenten verbindet ihre Religion, also der katholische Glaube an Jesus Christus: „Wir gehen zum Beispiel zusammen in die Messe. Mit welchem Kommilitonen kann man das schon?“ Außerdem ist da die Amicitia, die lebenslange Freundschaft. „Man kann immer in unser Verbindungshaus zurückkehren und trifft alte Bekannte wieder“, beschreibt es Andreas Wehage. Die Scientia, die Wissenschaft, steht bei Vorträgen des verbindungsinternen Semesterprogramms im Vordergrund. Mit der Patria ist kein Nationalismus gemeint, sondern die „Liebe zum Vaterland in völkerverbindender Gesinnung“.

 

Sebastian Staben hat sich den Widukinden erst im vergangenen Semester angeschlossen. Er ist noch Fux, sozusagen in der Probezeit. Im Gegensatz zu vielen anderen haben ihn nicht die günstigen Studentenwohnungen der AV gelockt. Ein Freund sei schon in der Verbindung aktiv gewesen und habe ihn mitgenommen, erklärt der 24-Jährige.

 

Etwa ein Jahr hat er Zeit, das Verbindungsleben kennenzulernen. „Das mutet beim ersten Mal schon etwas verstaubt an“, gibt Neuling Staben zu. Bei Kneipe und Kommers, wie die Sitzungen der Studenten heißen, gibt es eine feste Platzordnung. Das Programm leitet der Senior, der für ein Jahr von den Mitgliedern gewählt wird. Er unterschreibt seine Briefe mit dem Kürzel X und erscheint, wie Consenior und Fuxmajor in Vollwichs, in der Uniform der Verbindung. Er gibt Redezeiten (Colloquium) und Schweigen (Silentium) vor. Außerdem stimmt er Volkslieder wie „Die Gedanken sind frei“ und studentische Gesänge an.

 

Am Ende seiner Fuxenzeit wird Staben als Bursch in die Verbindung aufgenommen – auf Lebenszeit. Denn mit dem abgeschlossenen Studium endet der Lebensbund mit der Verbindung nicht. Wer im Berufsleben steht, ist ein Alter Herr und übernimmt neue Aufgaben. Davon profitieren die Studenten. So sponsern die Alten bei Kneipen das Bier und sorgen dafür, dass die Kosten für ein Zimmer im Verbindungshaus gering sind.

 

Bewusst hat sich Staben gegen eine Mitgliedschaft bei den schlagenden Kollegen von der Marchia entschieden. Für die AVler ist es eine Entscheidung des Glaubens: „Der katholische Student darf keine Mensur fechten, weil es unser erstes Gebot ist, nicht zu töten“, erklärt Jan-Christoph Wolber. Bei der Mensur sterbe heutzutage zwar niemand mehr, aber „früher konnte das Fechten noch tödlich sein“.

 

Damit sich die Studenten auf ihrem Heimweg gegen Wegelagerer und Diebe zur Wehr setzen konnten, wurde ihnen schon im 16. Jahrhundert vom Kaiser erlaubt, Waffen zur Verteidigung zu tragen. Heute dient das Fechten keinem so archaischen Zweck mehr. „Es ist nicht mal ein Wettkampf im eigentlichen Sinne. Wir fechten nicht gegeneinander, sondern miteinander. Das studentische Fechten kennt keine Sieger und Verlierer“, erklärt Fabian Schöpke von der Marchia. Und auch einen Schmiss, eine Gesichtsnarbe, zu tragen gilt nicht mehr als attraktiv. „Es zeigt ja nur, dass ich beim Fechten etwas falsch gemacht habe“, meint Thorsten Winrich. Außerdem: „Welche Frau steht heute noch auf einen Typen mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen?“

Quelle: NOZ 10.10.2011 (http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/349598/zwischen-tradition-und-vorurteil-studentische-verbindungen-in-osnabruck)


Anmerkung: Das Training findet selbstverständlich nicht mit scharfen Klingen statt.